NZZ, Rubrik «A la carte», 28. Juli 2005
Wie es ihm gefällt
Wir essen, dachten wir beim Betreten der heimeligen Stube des italienischen Restaurants Birchegg an der Wehntalerstrasse, nur einen schönen Salat und vielleicht eine Portion Ravioli. Als wir die Menukarte verlangten, warf uns der Inhaber, Michele Casale, einen merkwürdigen Blick zu. Wenig später stellte er für jeden von uns einen (nicht bestellten)italienischen Aperitif auf den Tisch. Und dann bekamen wir zuerst eine köstliche Minestra, hernach einen guten gemischten Salat.
Verlangt hatten wir weder das eine noch das andere, aber das Aufgetragene vermochte zu gefallen. Beim Hauptgang durften wir wählen: Ossobuco, Piccata milanese oder Kalbsleberli? Die mit Risotto und Gemüse servierten Gerichte erwiesen sich als ausgezeichnet. Dann kam wieder das, was der Chef vorgesehen hatte: Salat aus frischen Früchten und ein aromatischer Espresso.
Beim Wein zu diesem Mittagessen hatte sich der Capo für uns für einen bekömmlichen Barbera entschieden. Kostenpunkt pro Person für das Ganze:Fr.40.–. Wie uns der seit 30 Jahren hier wirtende Padrone wissen liess, schaut er ein wenig, wie stark die Gäste dem (auf dem Tisch deponierten) Wein zusprechen und macht dann die Rechnung.
Am Abend ist Michele bei schönem Wetter im einfach eingerichteten, gemütlichen, aber nicht verkehrslärmfreien Platanen-Garten mit schönen Rosen auf sämtlichen Tischen in seinem Element. Er bringt den Service für 70 Gäste im Alleingang, ohne «Programm» - Karte und nach dem Motto «Wie es ihm gefällt »locker über die Bühne. Von «Was ihr wollt » – wenn wir schon fast bei Shakespeare sind – kann keine Rede sein.
Ein Mitbestimmungsrecht hat man nur beim Hauptgericht, wobei man über Fleisch- oder Fischsorten nichts erfährt. Fragen sind zwecklos, das Schlitzohr «weiss es nicht ».Die Inszenierung kommt beim Publikum glänzend an. Das bei unserem Besuch Gegebene in fünf Akten: grosser Antipasto-Teller mit gelungenen Häppchen; erfreuliche Teigwaren in drei Variationen; Salat; saftiger Fisch (wohl Dorsch royal), Kalbsbraten von nicht aufregender Qualität oder zarte Kalbsleberli; Fruchtsalat. Dazu Rose- und Rotwein, Wasser und Espresso. Die Rechnung:«4 Essen –300».
Peter Suter
1999 war im «FACTS» zu lesen:
Im Birchegg ist alles ein bisschen ungewöhnlich und darum für Schweizer, speziell für
kopflastige Zürcher, gewöhnungsbedürftig.
Hier läuft nichts wie anderswo. Padrone Michele Casale ist ein Bauchmensch. Er legt keine Speisekarte auf und setzt keine Preise fest. «Ich kalkuliere je nach Grösse und Umfang der Gäste», sagt er. Kleine und Schlanke würden schliesslich weniger essen.
Das ist einer jener Scherze, wie sie im Laufe eines Abends fallen. Casale hat den Humor eines Mähdreschers. Davon bleibt niemand verschont; der Hausherr bedient seine Klientel persönlich – im Alleingang.
«Ich kann keinen brauchen, der mir in die Quere kommt.» Bei 50 Stühlen im Restaurant, 20 im Wintergarten und 80 im Sommer auf der Terrasse versteht es sich von selbst, dass man sich den Wein selber einschenkt. Ein Fiasco di Chianti steht auf dem Tisch. Wer anderen Wein wünscht, überlässt die Wahl Casale.
Auch beim Apéro.
Den bringt der Chef als «Welcome-Drink», ein hochprozentiges «Geheimnis aus Flaschen, die wir leeren wollen», einfach auf den Tisch. Zu essen gibts, was der Koch Giovanni Esposito gerade ausgeheckt hat. Garantiert sind einzig genuin italienische Gustos.
Als Primo Piatto bringt Casale etwa einen Teller mit Häppchen wie Rohschinken, Melone, Reiskugel, Frikadelle und Tintenfisch. Dazu reicht er frisch getoastetes Brot. Danach folgt Pasta. Die ist immer hausgemacht – Lasagne, Tagliatelle, Gnocchi – und immer köstlich. Blattsalat und eine kleine Pause garantieren, dass man auch beim Fleischoder Fischgang und vor allem beim feinen Dessert, serviert mit Espresso und Grappa, noch zulangen mag.
Beim abendfüllenden Gelage bleibt man nie auf dem Trockenen. Jede leere Flasche Mineralwasser wird sofort und Wein auf Wunsch ersetzt. Das Birchegg ist ein Unikat. Neunzig Prozent der Gäste haben sich an die unkonventionelle Art des Maestros gewöhnt und sind Habitués. Zumal auch Kinder Michele gerne besuchen. Die dürfen nämlich selber wählen – und essen erst noch gratis. «Dafür sagen sie den Eltern, dass sie zu mir kommen wollen,» meint Casale. Plausibel, dass Reservationen erwünscht ist.
Von Stephanie Riedi
Aus FACTS, Juli 1999, mit freundlicher Genehmigung
